Viele Eltern ( meist Mütter ) mit sogenannten “Problemkindern” rufen mich an, schildern mir das Verhalten ihres ”furchtbaren” Kindes und ihre sofortige Anforderung am Telefon an mich ist es, die Kinder wieder “hinzubringen” damit sie wieder funktionieren. Mensch sagt dann so etwas wie: “Sie können das ja oder? Ich habe gehört da gibts Techniken? Glauben sie gibt es da Möglichkeiten bei ihnen für mein Kind, ich war schon bei so vielen Ärzten und Therapeuten niemand konnte mit dem Kind etwas machen, nichts hat sich verbessert, ich bin schon ganz ratlos.” So oder ähnlich schildern die meisten Mütter (wenige Väter) die Situation der Kinder. Ich spreche hier von Kindern und Jugendlichen die meistens zwischen 9 und 14 Jahren alt sind.
Ich bitte dann den Anrufer mir die furchtbaren Taten des Kindes mal zu schildern und ich muss sagen, die Schilderungen sind fast immer sehr ähnlich. Kind ist schlecht in der Schule, war mal so brav aber jetzt ist es ganz schlimm, macht nichts zu Hause, ist frech und vorlaut, nicht vom Fernseher wegzubringen, spielt unentwegt XBox oder Nintendo oder WII, ist frech zu den Lehrern, macht keine Hausübungen, lernt nie freiwillig…
Was mich immer wieder erstaunt und worüber ich mich unglaublich wundere ist, dass Mensch bereit ist viel, viel Geld in Ärzte und Therapien zu investieren, Kind von einem zum nächsten zu chauffieren und alles im Außen dafür tun damit Kind wieder funktioniert. Auf eine meiner ersten Fragen, die meistens lautet: ”was haben Sie dafür getan dass sich die Situation verändert”, zählen mir Mütter (selten Väter) nochmal sofort auf, welche Ärzte, welche Therapien, wieviele Stunden, was das alles gekostet hat usw. Wenn ich frage: “was haben sie bei sich verändert, was haben sie innerlich zu einer Verbesserung der Situation beigetragen?”, sind sie meist kurz mal still und dann kommt der Satz: “was kann ich da schon groß machen? Ich mache ja eh alles, bringe ihn oder sie eh überall hin…”
Ich bitte euch mal alle in diesen letzten Absatz reinzuspüren, was macht das für ein Gefühl in euch wenn ihr das lest?
Das ist doch unglaublich oder? Eltern sehen sich komplett getrennt von ihren Kindern, da ist der “Nachwuchs” auf der einen und die Eltern auf der anderen Seite !!! Viele Eltern spüren überhaupt nicht mehr was Kind braucht, sie geben in diesem Fall die Verantwortung ab und suchen jemanden im Außen, der wieder alles sozusagen auf die Reihe bringt damit´s wieder klappt.
Wenn ich das alles höre, läuten bei mir innerlich schon all meine “Alarmglocken”. Ich schlage dann immer ein erstes Treffen und Kennenlernen mit den Eltern und dem Kind vor. Was glaubt ihr was viele Eltern sagen?
“Wieso müssen wir da dabei sein, es geht doch nur um unser Kind?” Ich versuche den Eltern dann folgendes zu erklären:
Ihr Kind wurde in eine Familie hinein geboren. Die Familie hat bis zum heutigen Tag sein Verhalten und sein Sein geprägt. Es ist nicht richtig und auch nicht erfolgreich, nur das Kind zu therapieren, denn ihr Kind ist nicht die Ursache sondern zeigt die Wirkung des gesamten Familiensystems.
Kinder werden ganz rein, unschuldig und in Liebe geboren. Alles was Kind lernt, sieht, spürt und auch nicht spürt, wie es spricht, geht, isst, sich ausdrückt usw. lernt es aus dem Familiensystem in welches es hineingeboren wurde.
Viele Eltern wollen das nicht wahrhaben und sind nicht bereit bei sich zu beginnen, mal reinzuspüren was sie zu dieser scheinbar unerträglichen Situation mit dem Kind beitragen, welche Veränderungen sie vornehmen könnten, was ihre Aufgabe dabei ist…
Ich höre dann solche Antworten/Ausreden wie: “dafür habe ich im Moment keine Zeit, oder mein Mann hält davon sowieso nichts” usw.
Kinder, die solche “Problemkinder” sind, haben eines ganz oft gemeinsam. Sie vermissen ganz und gar ihre Grenzen, ihren sicheren Ort, ihre Wohlfühloase,( siehe ”Ein Ort für Kinder” Teil I ) wo sich sich geliebt, verstanden, aufgehoben, umsorgt usw. fühlen. Diese Kinder brauchen viel Liebe und Aufmerksamkeit, ihre Persönlichkeit darf gestärkt werden usw. Auch diese Kinder sind einzigartig und sind mit wunderbaren Talenten und Fähigkeiten ausgestattet, oft hat es ihnen einfach noch nie jemand gesagt, beigebracht oder vorgelebt. Ich höre dann von den Kindern solche Sätze wie: “das hat mir noch nie jemand gesagt, dass ich toll zeichnen kann, stimmt das wirklich?” Oder: “ich weiß gar nicht was ich gut kann, ich glaube nichts…”
So etwas zu hören macht mich sehr traurig…
Wenn sich Eltern und Kinder auf diesen gemeinsamen Prozess einlassen, dann ist das für alle eine unglaublich schöne und bereichernde Erfahrung. Es ist fast so als würden sich alle wieder “kennen lernen”. Wieder ihre Bedürfnisse spüren und diese den anderen Mitgliedern in der Familie auch mitteilen. Eltern erkennen, dass es nicht um Schuldzuweisungen geht, sondern um Dinge die auch bei ihnen nicht ganz so gut laufen, und verbesserungswürdig sind. Alle haben somit die Möglichkeit als Familie wieder zusammenzuwachsen. Jeder wird gehört, Bedürfnisse werden wahrgenommen, Situationen besprochen, Lösungen gesucht… Ein wunderschöner Prozess wird dabei in Gang gesetzt, alle begeben sich auf eine Reise.
Was ich mit meinen heute sehr kritischen Worten sagen möchte ist, dass ein Kind allein nicht der Ursprung des Problems in der Familie ist, da bedarf es wirklich einer ehrlichen, aufrichtigen näheren Betrachtung. Ehrlich nicht mir gegenüber, sondern sich selbst gegenüber. Niemand ist perfekt auf dieser Welt, niemand hat Schuld, wir sind alle hier auf dieser Welt um Lernerfahrungen zu machen.Oft machen wir Fehler, wichtig ist es für mich daraus zu lernen, einen anderen Weg zu versuchen, um den Ort im Inneren zu finden, an dem Eltern UND Kinder sich ganz und gar wohl fühlen…








